Startseite>Baby>Gesundheit>Das Tragen von Säuglingen – Der Elternkompass

Das Tragen von Säuglingen

Der Elternkompass

Zum Kind gehört der Kinderwagen. In Deutschland werden pro Jahr zwischen 750.000 und 830.000 Kinderwagen verkauft, bei im Schnitt 700.000 Geburten also für jedes Baby in diesem Land mindestens einer. Gleichzeitig gibt es eine wachsende Community von Eltern, die ihre Kinder lieber tragen; und auch meine Babys fühlten sich im Tuch vor meiner Brust deutlich wohler als in einem Kinderwagen. Aber immer wieder wurde mir gesagt, das sei ungesund und ich würde die Kinder dadurch nur verziehen. Ist das so?

emotionworld gu das tragen von säuglingen
© Foto: © Unsplash / @nate_dumlao

Fakt ist: Wir können davon ausgehen, dass der Homo sapiens seine Babys zu 99 Prozent seiner Zeit auf Erden lang tragen musste. Solange wir als Jäger und Sammler umherzogen, hatten wir gar keine andere Wahl; und die Anthropologen geben uns recht: Alle Naturvölker tragen ihre Säuglinge. Sie tragen sie auf dem Arm, in Schlingen auf der Hüfte, in Tüchern auf dem Rücken, auf den Schultern. Manche Autoren mutmaßen, dass sich die weibliche Taille nicht aus ästhetischen Gründen entwickelt habe, sondern um ein Kind auf unseren verbreiterten Hüftknochen abzusetzen. Achten Sie mal drauf: Menschenaffenweibchen haben keine Taille, möglicherweise, weil ihre Babys sich gleich nach der Geburt in ihrem Fell festkrallen können. Auch Männer können ein Kind weniger gut auf der Seite tragen, weil ihnen diese praktische anatomische Sitzecke fehlt.

Gleichzeitig ist es nicht so, dass das Tragen für unsere Vorfahren ohne Folgen geblieben wäre. Ein Sprichwort bei den !Kung aus der Kalahari sagt: »Wer zu viele Kinder bekommt, erntet nichts als Rückenschmerzen!« Wenn man die Zahlen von Wenda Trevathan betrachtet, wird einem klar, was hier gemeint ist: Wir reden nicht von einem Spaziergang zum Spielplatz und wieder retour. Eine Wildbeuter-Mutter legte mit ihrem Kind auf dem Arm in den ersten zwei Jahren etwa 4800 Kilometer beim Jagen und Sammeln zurück. Das sind im Schnitt etwa 13 Kilometer pro Tag, und auf dem Rückweg trägt sie ja zusätzlich zum Kind noch das gesammelte Essen. Da kann man schon mal »Rücken haben«.

Dass das Tragen von Babys den Rücken aller Beteiligten schadet, ist allerdings ein vielfältig widerlegtes Ammenmärchen. Auch der Rücken der Mutter wächst mit seinen Aufgaben – allerdings nur, wenn das Baby regelmäßig und ergonomisch richtig getragen wird. Viele Tragehilfen auf dem Markt verteilen das Gewicht des Babys nicht auf der Hüfte der Mutter, die dafür gebaut ist, sondern auf ihren Schultern, was zu Nackenverspannungen und Rückenschmerzen führt.

Die Hüften und Rücken der Babys entwickeln sich beim Tragen ebenfalls besser, allerdings auch hier nur dann, wenn sie richtig getragen werden. Denn der Oberschenkelkopf muss von oben in die Hüftpfanne drücken, damit diese an der richtigen Stelle aushärten kann: »Bei gestreckten Oberschenkeln wird die Pfanne an ihrer empfindlichsten und schwächsten Stelle belastet. Der knorpelige Anteil der unreifen Pfanne gibt nach. Sie wird verformt und dysplastisch«, sagt Prof. Dr. Robert Rödl von der Vereinigung für Kinderorthopädie in einem öffentlichen Statement. Was er meint: Die Hüften unserer Babys sind noch weich – wir erinnern uns an die physiologische Frühgeburt – und müssen noch nachreifen, nämlich aushärten. Dabei darf der Oberschenkelknochen nicht im Weg sein. Im Bauch sitzt das Baby mit angehockten Beinen, da hat die Hüfte Platz gehabt, sich richtig zu entwickeln. Streckt das Baby jetzt plötzlich die Beine den ganzen Tag, drückt der Oberschenkelkopf auf die falsche Stelle im Becken, und dadurch kann der Prozess gestört werden.

Babys sollten also wirklich immer so getragen werden, wie sie auch im Bauch saßen, in der sogenannten Anhock-Spreizhaltung. Tragen Sie ein Baby niemals mit dem Gesicht nach vorn (das gibt ein Hohlkreuz und Reizüberflutung) und auf keinen Fall mit hängenden Beinen. Völker, die ihre Kinder auf flache Bretter binden, haben bis zu 12,3 Prozent mehr Fehlbildungen der Hüfte als in Europa, bei Völkern, die die Kinder traditionell auf der Hüfte oder dem Rücken tragen, sind diese Zahlen verschwindend gering.

Aber immer wieder hört man, dass man Babys nicht zu viel tragen sollte: Sie würden unselbstständig und quengelig werden, außerdem bekämen sie zu wenig Bewegung. Im Jahr 2019 gab die WHO sogar eine Empfehlung heraus, Kinder unter einem Jahr auf keinen Fall länger als eine Stunde auf dem Rücken zu tragen. Es ging ein Aufschrei durch die Trageszene. Hier lohnt sich wieder die Frage nach dem Blickwinkel: Wenn man nur darauf schaut, ob Kinder sich »genug allein bewegen«, ist ein Tragetuch natürlich genauso schlecht wie ein Kinderwagen. Wenn man aber einberechnet, dass ein Baby im Tragetuch sich den ganzen Tag mitbewegt (weil es die Bewegungen der Trägerin ausgleichen muss, wird die Tiefenmuskulatur der Babys in einer Trage massiv angeregt), ist die Empfehlung der WHO ehrlich gesagt wenig sinnvoll.

TRAGEN UND WEINEN

Alle Babys weinen. Aber woran liegt es, dass manche Babys mehr weinen, andere weniger? Anthropologen hatten schon lange berichtet, dass Babys in traditionellen Gesellschaften oft erstaunlich kurz (nicht weniger, aber kürzer!) weinen, doch ob das an dem Umgang mit ihnen lag, am Wetter oder an den Genen, konnte niemand beweisen.

Urs Hunziker und der Kinderarzt Ronald Barr von der Universität Vancouver wollten es 1986 wissen. Barr beschäftigt sich professionell mit der Frage, wie der Umgang mit Säuglingen ihnen buchstäblich »unter die Haut geht« und wie man verhindern kann, dass Kinder von gestressten Eltern misshandelt werden. Er teilte 99 Mutter-Kind-Paare in zwei Gruppen: Die eine Hälfte (49 Mütter) sollte ihr Kind im Arm oder in einer Trage mindestens drei Stunden am Tag tragen (die WHO würde heute die Krise kriegen), die Kontrollgruppe wurde gebeten, dem Kind ein Mobile und das vereinfachte Abbild eines menschlichen Gesichts über die Wiege zu hängen. Es zeigte sich, dass am Anfang der Studie alle Eltern ihre drei Wochen alten Babys gleich häufig trugen, dass dies aber im Lauf der Beobachtung bis zur zwölften Woche bei der Kontrollgruppe mit den Mobiles stark abnahm. Alle Babys schreien zwischen Woche sechs und zehn besonders häufig und vor allem abends. Es zeigte sich jedoch, dass die getragenen Babys vor allem abends nur halb so lange schrien wie die Mobile-Babys.

In der Studie schreiben die Forscher wörtlich, wie »eindrucksvoll« dieses Ergebnis für sie war. Die Babys unterschieden sich nicht darin, wie oft sie schliefen oder aßen, aber die Tragebabys waren häufiger wach und zufrieden und brauchten – oder bekamen – seltener den Schnuller. Sie wurden im Schnitt übrigens nicht, wie von den Wissenschaftlern gebeten, drei Stunden am Tag getragen, sondern sogar zwischen vier und fünf Stunden. Forscher gehen davon aus, dass das Tragen außerdem die Fähigkeit der Mutter erhöht, die Signale ihres Babys richtig zu deuten, was schon in viel älteren Studien zu weniger weinenden Säuglingen und zufriedeneren Müttern geführt hatte.

Getragene Kinder werden außerdem zumindest in den ersten fünf Lebensmonaten länger und öfter gestillt, sagt eine italienische Studie unter hundert Müttern. Das kann sich, wie wir wissen, positiv auf die Gehirnentwicklung auswirken.

Frühchen entwickeln sich besser und wachsen – bei gleichen Wachphasen und gleicher Nahrungsaufnahme – schneller, wenn sie viel getragen werden. Eltern, die ihre Frühchen tragen, trauen sich mehr zu und können besser auf die Kinder eingehen: Man hat sich kennengelernt.

WUNDERKINDER IN AFRIKA?

In Afrika ziehen sich viele Säuglinge mit sechs Monaten zum Stehen hoch und laufen mit neun Monaten. Wie kann das sein? Eine Studie unter 64 Säuglingen bei den Kipsigis in Kenia geht davon aus, dass das »Training« der Eltern es ausmacht (zum Beispiel ab dem ersten Monat tägliches »Springen auf dem Schoß«, bei dem das Baby unter den Armen gehalten wird). In Europa erzählt man Eltern, dass die Neugeborenenreflexe wie der Schreireflex oder das reflexhafte Beugen der Knie bei Belastung der Fußsohlen automatisch verschwinden würden. Bei den Kipsigis verschwinden sie nicht, sondern sie werden gezielt zum Training der Kinder genutzt: »In jedem Alter zeigt die große Mehrheit der Säuglinge ein Treten, wenn sie mit den Füßen auf dem Boden unter den Armen gehalten werden, und das Verhalten scheint sich allmählich von einem Reflex zu einem integralen Bestandteil des reifen Gehens zu entwickeln«, schreibt der Forscher Charles Super.

In der Sprache der Kipsigis gibt es auch spezielle Wörter für das Training von Babys, das auf frühes Sitzen, Stehen und Laufen zielt. Krabbeln und Sichdrehen wird übrigens nicht geübt – und dies entwickeln die Kinder auch im gleichen Tempo wie Babys in Europa. Andere vermuten, dass auch das viele Getragenwerden der Kinder in anderen Kulturen zur Stärkung von Muskulatur und Gleichgewichtssinn beiträgt: Die Babys in der Kenia-Studie lagen nur 10 Prozent des Tages überhaupt allein auf dem Rücken, während die Kontrollgruppe amerikanischer Babys 30 Prozent des Tages lag (was heute deutlich mehr sein dürfte). Tragebabys haben eine völlig andere Körperspannung als Liegebabys. Hier bestätigt sich wieder, dass wir sehen, was wir kennen: Wenn eine Gesellschaft sich wenig bewegt, dann gehen wir auch davon aus, dass ein »liegender Säugling« völlig normal ist, obwohl ein trainierter Säugling genauso normal – also die Norm – sein kann.

PLATTER HINTERKOPF

Jeder fünfte Säugling in Deutschland zeigt mit vier bis fünf Monaten einen unnatürlich platten Hinterkopf. Mit dieser sogenannten »positionalen Plagiozephalie« ist nicht zu spaßen (gr. plágios [schief, schräg] und kephalḗ [Kopf]). Die Kinder können in ihrer Entwicklung verzögert sein, und daher muss der »platte Hinterkopf« dringend behandelt werden – oder noch besser gleich verhindert.

Die Deformation sei »lagerungsbedingt«, sagen Ärzte, was so viel heißt wie: Die Eltern sind schuld, bitte drehen Sie das Kind mehr auf den Bauch (was viele sehr kleine Babys mit lautem Meckern oder gar Schreien quittieren), sonst liegt es zu viel auf dem Hinterkopf, und die noch weichen Knochen werden platt. Andererseits sagen Ärzte uns, dass Säuglinge wegen der SIDS-Gefahr vor allem nachts ausschließlich auf dem Rücken schlafen sollen.

Noch verwirrender wird es, wenn wir uns die Risikofaktoren ansehen. Das Risiko für den platten Hinterkopf ist nach Studienlage umso größer, wenn ein Baby männlich ist, für Frühgeburten (ihre Köpfe sind besonders weich), für Erstgeborene und Zwillinge oder Drillinge (weil sie nicht genug Platz im Bauch haben und oft früh zur Welt kommen), bei angeborenen Muskelproblemen (wenn das Kind sich ohnehin zu wenig bewegt), bei einem zu frühen Verschluss der Schädelnähte (eine krankhafte Disposition, die wir hier ausklammern werden), bei einer älteren Mutter. Wenn das Kind keine krankhaften Veränderungen hat, dann verändert sich das Risiko immer noch – und jetzt wird’s interessant – je nachdem, in welchem Land ein Baby geboren wurde. Afrikanische Kinder zeigen das Problem deutlich seltener als europäische. Produzieren verschiedene Völker also verschieden harte Babyköpfe?

Herbert Renz-Polster schaute sich die Daten genauer an und stellte fest: Nein, sorry, aber es kann nicht nur an der Rückenlage liegen. Denn in der Hälfte der Studien zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Plagiozephalie und der Rückenlage, in der anderen Hälfte nicht. Er kommt zu folgendem Schluss: Der platte Hinterkopf hat Gründe, die der normale Mediziner, salopp gesagt, schlicht nicht auf dem Schirm hat.

Schauen wir uns die Daten zur Pflege mal an: Flaschengefütterte Babys haben (laut Studienlage) eher einen platten Hinterkopf, vor allem wenn sie zum Füttern nicht im Arm liegen, sondern allein auf dem Rücken. Gestillte Kinder liegen automatisch im Arm der Mutter und immer mal auf der einen und der anderen Seite, weil eine Mama eben zwei Brüste hat, wie Renz-Polster launisch bemerkt. Babys, die nicht getragen werden, sondern viel in Autositz, Trageschale oder Kinderwagen liegen, haben eher einen platten Hinterkopf als Babys, die in Tragetuch oder Trage bei der Mutter transportiert werden, sodass der Kopf nicht einseitig belastet wird. Der Einsatz eines Mobiles erhöht das Risiko – vielleicht, weil die Babys länger liegen. Und Babys, die nachts bei der Mutter schlafen und gestillt werden, liegen viel weniger Zeit ruhig auf dem Rücken und schlafen, sondern werden von der Mutter gedreht und gewendet.

Renz-Polster fragt daher auch: »Der plattgelegene Hinterkopf – ein kultureller Pflegefehler?« Was nichts anderes heißt als: Unsere Babys liegen zu viel, aber nicht nur nachts, sondern auch tagsüber. Eine Überblicksstudie gibt ihm recht – die beste Prävention und Behandlung für Plagiozephalie ist, wenig herumzuliegen. Der australische Physiotherapeuten-Verband empfiehlt konkret, Babys möglichst häufig aufrecht im Arm oder in einem Tuch zu tragen. Hier freuen sich die Evolutionsbiologen: Nehmt die Babys auf den Arm, denn dafür sind Babys ja gemacht. An dieser Stelle haben sie die Studienlage auf ihrer Seite!

WAS HEISST DAS FÜR UNS?

JDass Tragen dem Rücken schadet, ist also widerlegt. Dass Tragebabys keine Luft bekommen, hat eine Studie von Waltraud Stening und Patrizia Nitsch an der Kinderklinik der Universität zu Köln widerlegen können, die reife Neugeborene und Frühchen beim Tragen untersuchte. Es gibt aber in der Tat gefährliche Tragen, sogenannte »Pouches« (Tragebeutel), und Trageweisen (liegende Trageweisen), die für Babys deshalb Gefahren bergen, weil sie gekrümmt darin liegen und nicht genug Luft bekommen. Schon kleine Säuglinge müssen im Rücken gut gestützt aufrecht gehalten werden, wenn sie in einem Tuch oder in einer Tragehilfe sitzen.

Es gibt – bis auf die nicht verständliche Empfehlung der WHO – keine wissenschaftliche Grenze dafür, wie lange ein Kind getragen werden darf. Die Grenze sind der Träger und das Kind: Beide werden merken, wenn es ihnen nicht mehr gut tut.

Bis zu welchem Alter man Kinder tragen darf, ist dann die nächste Frage. Die Studienlage erforscht die Vorteile des Tragens vor allem im ersten Lebensjahr, besonders in den ersten Monaten sind die Effekte sehr stark. Bei den !Kung trugen die Mütter ihre Kleinkinder bis zum vierten Lebensjahr, danach übernahmen auf langen Strecken die Männer das Kind und trugen es, wenn es müde war, bis zum siebten Lebensjahr auf langen Strecken. Ein müde getobtes Dreijähriges bis zum Auto zu tragen liegt also locker innerhalb der Toleranzgrenzen dessen, was der Homo sapiens eben tut – und es wird von Forschern außerdem dringend empfohlen: Das ist kein Verwöhnen, das fällt unter die Rubrik »Feinfühligkeit«.

Mit freundlicher Unterstützung von GU
der elternkompass
Der Elternkompass
Was ist wirklich gut für mein Kind?
Alle wissenschaftlichen Studien ausgewertet
Umfang: 304 Seiten
ISBN: 978-3-8338-7526-7

FREEBIES

Mit Freunden teilen
2021-01-22T10:15:09+01:00
Nach oben